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Rezension: Mythos Tales

Wer wünscht sich nicht eine deutsche Neuauflage von Sherlock Holmes Criminal Cabinet? Das Spiel des Jahres 1985. Als Lehrling von Meisterdetektiv Sherlock Holmes durch London ermitteln und dabei vom wahren Meister lernen. Das Spiel ist auch heute noch sehr gefragt und erzielt hohe Gebrauchtmarktpreise.

Mythos Tales versucht nun in diese großen Fußstapfen zu treten. Als eine Version von Sherlock Holmes Criminal Cabinet mit Cthulhu Flair.

Transparenzinfo
Diese Rezension basiert auf einem Rezensionsexemplar von Pegasus Spiele. Siehe hierzu unsere Transparenzinformationen.

Worum geht’s?

Wir sind ein Ermittler und Freund von Dr. Henry Armitage, dem Leiter der Bibliothek der Miskatonic Universität. Armitage ruft uns immer wieder zu sich, um unsere Hilfe bei mysteriösen Fällen in Anspruch zu nehmen – die er eigentlich schon längst gelöst hat. Also weniger Hilfe, mehr den Nachwuchs anlernen.

Jeder der 8 Fälle spielt in Arkham Massechussetts, das berühmte Arkham City von H.P. Lovecraft, welches genau wie Dr. Henry Armitage und viele weitere Charakter eng mit dem Mythos verknüpft ist.

Es beginnt ganz harmlos mit einem Mord und endet eventuell mit einem großen kosmischen Schrecken.

Spielmechanik

Bei Deduktionsspielen ist Spielmechanik so eine Sache. Es ist voll kooperativ, daher gibt es nicht wirklich Mechanik – zumindest nicht so eng, wie wir sie aus Brettspielen kennen. Lasst mich trotzdem etwas erläutern:

Wir haben ein Zeitlimit. Jeder Besuch eines Ortes oder einer Person, kostet 1 Zeit. Ein Tag besteht aus 3 Zeiteinheiten – Vormittag, Mittag, Nachmittag. Manche Texte besagen, dass wir zusätzlich Zeit verlieren.

Eine Person oder ein Ort finden wir über eine Karte von Arkham mit eingezeichneten Buchstaben und Nummern oder über ein Adressverzeichnis. Zu jedem Fall gibt es ein Verzeichnis, wo man den passenden Text dann findet. Zum Beispiel suchen wir nach C23a im Verzeichnis von Fall 1 wenn wir Dr. Henry Armitage besuchen wollen. Dieser Besuch kostet pauschal 1 Zeit. Dann lesen wir den Text und überlegen, wo wir als nächstes hinwollen.

Der Clou ist, wir haben nur eine grobe Ahnung, was wir alles in Erfahrung bringen sollen. Am Ende eines Falles – wir können jederzeit aufhören – werden uns 10 Fragen gestellt, die mit der Lösung des Falls zu tun haben. Diese 10 Fragen kennen wir vorher nicht. Jede beantwortete Frage gibt Punkte, aus welcher sich dann errechnet, ob man erfolgreich war oder nicht. Des Weiteren verliert man Punkte, wenn man länger für die Lösung als Dr. Armitage gebraucht hat (genau wie in Criminal Cabinet mit Holmes).

Eine weitere Mechanik sind die Bedingungsmarker. Diese erhält man bei bestimmten Ermittlungen. Andere Begegnungen fragen dann: Hast du Marker XY, wenn ja lies bei Z weiter. So hat man wirklich das Gefühl von Progression – Ah! Ich habe Hinweis A und kann nun Person B danach befragen.

Es gibt noch weitere Mechaniken, die alle darauf hinauslaufen, dass man Zeit verliert.

Spielmaterial

Das Spielmaterial an sich ist grandios. Wir haben Zeitungen des Arkham Advertisers, die sich wie Zeitungen anfühlen. Wir haben eine Karte von Arkahm, ein dickes Ermittlungsbuch mit den Fallen, Geschichten und Lösungen, ein kleines Adressbuch mit allen Nummern der Orte und Bewohner, alphabetisch nach Nachnamen sortiert, Vornamen sind mit dem ersten Buchstaben abgekürzt und wir haben ein Ermittlungsbuch mit Ermittlungsverlauf und Notizen. Weiteres Spielmaterial sind Marker – Bedingungsmarker, Zeitmarker und Marker für zukünftige Erweiterungen.

Die Übersetzung des Materials aus dem englischen ist im Großen und Ganzen sehr gut gelungen. Es gibt deutliche Inkohärenzen wenn z. B. die Silberloge Mal als Silverlodge, Mal als Order of the Silverlodge oder eben Mal als Silberloge übersetzt ist oder wenn von einem College die Rede ist, es aber nur eine passende High School gibt. Ich kann nicht sagen, ob das im englischen auch schon fehlerhaft war, im deutschen fällt es halt auf. Es ist aber von der Qualität der Übersetzung her nichts, was den Spielfluss und die Ermittlungen deutlich behindern würde.

Probleme

Das es diesen Abschnitt „Probleme“ überhaupt gibt, ist leider kein all zu gutes Zeichen. Doch gehen wir die Probleme von Mythos Tales Stück für Stück durch.

Als erstes das offensichtliche: Das Spiel hat Probleme mit seinen eigenen Lösungen. Da sich aber die Bewertung, der Anspruch und wahrscheinlich auch die maximale Zeitvorgabe an diesem Lösungsweg orientieren, kann das frustrierend werden. Es sind uns 2 Fälle untergekommen, wo der vorgeschlagene, optimale Lösungsweg von Dr. Henry Armitage nicht funktionieren kann. Sei es, weil nach dieser Lösungsvorgabe Bedingungsmarker fehlen, die man aber für Informationen benötigt, oder weil es absolut keinen Sinn macht. Nun stellt sich die Frage, wenn selbst die Macher des Spiels keinen einwandfreien Lösungsweg hinbekommen haben – wie ausbalanciert und logisch schlüssig ist das Ganze?

[toggle title=“Spoiler für falschen Lösungsweg in Fall 2″ state=“close“]In Fall 2 „Fleisch & Blut“ wird als Lösungsweg angegeben, dass man zuerst C17 besucht und dann die 1 in den Ergänzungen liest. Die 1 in den Ergänzungen kann man aber nur mit Bedingungsmarker 1 lesen. Diesen hat man am Anfang aber noch gar nicht. Diesen erhält man, wenn man D1 besucht. Somit braucht es entweder D1 noch zuerst, und damit 11 Orte, oder eine ganz andere Reihenfolge.[/toggle] [toggle title=“Spoiler für falschen Lösungsweg in Fall 5″ state=“close“]Auch im Fall 5 beginnt die Lösung mit einem Ort (C12), für welchen man einen Bedingungsmarker braucht, welchen man zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht haben kann. Ebenso soll man laut Lösung einen Ort (L18) aufsuchen, bei dem man Bedingungsmarker 4 benötigt, ist man den Weg der Lösung gegangen, besitzt man diesen aber nicht.[/toggle]

Das zweite Problem sind neue Regeln, die teilweise nicht konsequent in ihrer Bedeutung erklärt werden. Es gibt eine Traumlande-Regel. In der steht aber nirgends, dass ich notieren muss, wie oft ich in die Traumlande bin. Die Regel schreibt sogar ausdrücklich: „[…] so braucht dies nicht als zweiter Besuch aufgeschrieben zu werden.“ (S. 70 Mythos Tales – Buch der Ermittlungen) Am Ende bekam man aber für jedes Mal über einer gewissen Zahl Punkte abgezogen. Tja, Pech gehabt!

Generell kann der Punktabzug am Ende eines Falls eher frustrierend und beliebig wirken, als wirklich konsistent. Besonders, da man ihn oft nicht wirklich vermeiden kann.

An dieser Stelle ein Spoiler:

[toggle title=“Spoiler“ state=“close“]Es gibt in Fall 5 die Übelkeitsregel. Man wird gewarnt, das man vergiftet wird. An verschiedenen Stellen im Spiel ist einem Übel. Man kann diese Übelkeit ignorieren, oder sich ausruhen und 1 Zeit verlieren. Leider war uns der Grund der Übelkeit nie bewusst, wir waren z.B. in der Bibliothek und uns war übel. Da wir an ein Gift dachten und irgendwie vermuteten, man wird wohl überlegen müssen ob man nun vergiftet wurde oder nicht – ignorierten wir die Übelkeit und vermuteten eine Finte. Tja, recht plötzlich sprang uns folgender Text entgegen: Wenn ihr 3 oder mehr Übelkeit ignoriert habt, endet eure Ermittlung hier sofort. Danke für nichts! Am Ende gab es dafür auch noch Punktabzug. Das ist insofern drakonisch, als dass es vorher keinerlei Anlass gab zu vermuten, dass man wirklich vergiftet wurde. Am schlimmsten ist aber, dass es sehr früh passieren kann, so dass man quasi gar nichts von dem Fall gesehen hat. Nein, danke! So lasse ich mich nicht um meinen (un)bezahlten Spielspaß bringen![/toggle]

Spielgefühl

Krimispiele sind aktuell in aller Munde, Ob Detective, Chronicles of Crime oder Escape Games die die Grenze zwischen Krimi- und Rätselspiel verwischen. Doch sie erzeugen alle ein anderes Spielgefühl mit unterschiedlichen Schwerpunkten? Wie sieht es da bei Mythos Tales aus?

Erst einmal vorweg: Es entsteht Spielgefühl. Man fühlt sich in einem Fall, möchte diesen lösen! Bedingung dafür ist, dass man sich auf die Welt von Lovecraft einlassen kann. Das ist einerseits toll, besonders wenn man, wie ich, Fan dieser Welt ist. Es bringt aber auch Schwierigkeiten mit sich. Mythos Tales ist ein Deduktionsspiel. Aus A soll B folgen. Nun kommt aber der Mythos, das Unaussprechliche, das Undenkbare ins Spiel. Und damit wird es manchmal wirklich schwierig, aus A auch B zu folgern. Mit den zusätzlichen Problemen einzelner Fälle kann da durchaus Frust aufkommen. Aber wir wollen nicht zu hart sein, denn Spielspaß hatten wir trotzdem, wir haben uns nicht durch das Spiel hindurchgezwungen. Wir haben uns nur hin und wieder geärgert. Insgesamt blieb aber ein Lovecraft-Ermittler-Feeling bei Mythos Tales übrig und das ist genau das, was ich von dem Spiel erwarte.

Fazit

Alex meint

Ich tue mich mit einer Wertung wirklich schwer. Ich bin ein kleiner Lovecraft Fanboy. Das erzeugt bei mir natürlich eine gewisse Sympathie und ich suche genau dieses Feeling. Da Mythos Tales – trotz seiner Mängel – mir dieses Feeling vermittelt, hat es sich in den Bereich eines guten Spiels „gerettet“. Ohne den Lovecraft-Bonus würde ich es deutlich beim durchschnitt einordnen und würde empfehlen: Gebt Detective oder Chronicles of Crime (je nach Schwerpunkt) den Vorzug.

Mythos Tales schafft es, mich ins Lovecraft-Universum nach Arkham zu saugen. Es lässt mich bekannte Personen befragen und lässt mich immer wieder die Verzweiflung spüren – durchaus authentisch könnte man also sagen. Die spielmechanischen Macken trüben den Spielspaß etwas, wiegen am Ende aber nicht schwer genug den Spaß zu verderben. Es hätte definitiv ein sehr gutes Spiel und ein würdiger Nachfolger von Sherlock Holmes Criminal Cabinet werden können. So ist es leider nur ein Nachbau in einem anderen Universum – für Fans des Universums.

Ph’nglui mglw’nafh Cthulhu R’lyeh wgah’nagl fhtagn,

Geschrieben von
Hallo, ich bin der Alex, 1991 geboren und habe Boardgamejunkies ins Leben gerufen. Seit gut 5 Jahren liebe ich Gesellschaftsspiele und alles was damit zu tun hat und fröne dieser Leidenschaft hier. Mein Ziel? Gute Spiele spielen und besprechen und die Szene beleben und unterstützen.

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