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Rezension: Carpe Diem

Beurteile ein Spiel nie nach seiner Optik - oder doch?

Carpe Diem – ein neuer Stefan Feld Titel. Das weckt gewisse Erwartungen: Nicht thematisch, viele Wege Siegpunkte zu machen, eher knobelig und kopflastig. Wo ordnet sich Carpe Diem da ein?

Carpe Diem bedient sich einem klassischen, ja sogar mittlerweile langweiligem Thema. Das antike Rom. Wie viele Spiele von Stefan Feld spielten mittlerweile im Antiken Rom? Schnell gezählt komme ich auf mindestens fünf. Es zeigt aber einfach: Rom ist meist ein beliebiges und gefälliges Thema. Typisch deutsches Eurospiel? Ein Spiel aus der leblosen Optimierhölle?

Ein typischer Feld?

Die Frage kann man durchaus mit Ja beantworten. Doch spielerisch möchte ich hier nicht von Hölle sprechen. Stefan Feld und alea liefern ein spielerisch interessantes und durchaus anspruchsvolles Legespiel im gehobenen Kennerspielsektor ab. Mit einem Rondell zur Wahl der Plättchen und strengen Legeregeln wie sie vielen aus Carcassonne bekannt sind entfaltet sich ein interessantes aber eingängiges Spielgefühl. Der schmähvoll gemeinte Feldsalat – durch alles Siegpunkte erhalten zu können – ist durchaus vorhanden, trotzdem ist Carpe Diem weniger ein rechenlastiger Sandkasten wie Trajan. Es nimmt die Spieler durch klare Auftragskarten und Bonuspunkte am Rand der Auslage an die Hand und gibt Ziele vor. Es kann dabei allerdings auch einengend und bestrafend sein, ein Element das in Spielen von Stefan Feld nicht fremd ist. Jeder Trajan Spieler kennt das – man erfüllt ein Bedürfnis nicht und wird dafür bestraft. Stefan Feld stellt uns einen Optimierspielplatz, nimmt uns an die Hand und führt uns, bestraft uns aber für Unachtsamkeit. Das gibt Carpe Diem seine Würze und fügt der Leichtigkeit des Plättchen Nehmen und Hinlegen eine spannende Komponente hinzu. Insofern ist es quasi ein typischer Feld-Titel. Doch muss man auch sagen, Feld ist kein langweiliger Autor. Mit Spielen wie Das Orakel von Delphi, La Isla und weiteren beweist Feld jedes Mal aufs Neue, dass er mehr kann als „nur“ Feld-Salat.

Interaktion? Emotionen?

Auch im Rahmen der Spielerinteraktion bewegt sich Carpe Diem im Feld typischen indirekten Bereich. Spieler können sich etwas wegnehmen, es nutzt aber nichts, dies aus reiner Schadenfreude zu tun. Jeder muss auf seine Ziele und Punkte hinarbeiten und manchmal überschneiden sich halt die Interessen zweier Spieler. Trotzdem ist dies ein wichtiges Element, welches immer wieder für Emotionen sorgt, wenn man besonders im drei und vier Spieler Spiel darauf hinfiebert ein wichtiges Plättchen zu bekommen. Gemeiner als bei den Plättchen wird es bei den Wertungen. Hier kann es, wie bereits erwähnt, bestrafend werden, wenn man nur noch Karten werten kann, die man nicht erfüllen kann – dann gibt es nämlich Minuspunkte. Wer die Ziele und ihre Möglichkeiten aus den Augen verliert wird sich also Ärgern. Doch es gibt eine Art doppelten Boden. Die Reihenfolge in der am Ende einer Runde gewertet wird, entspricht nicht der Spielerreihenfolge während der Runde. Die Spieler können aktiv darauf hinarbeiten, in der Wertungsreihenfolge nach vorne zu kommen. Je schneller man wählen darf, desto mehr Auswahl hat man und desto eher lassen sich Minuspunkte vermeiden. Hier lohnt es sich besonders im Zwei-Personen-Spiel so zu werten, dass der andere mit einer negativen Punktzahl aus der Runde rausgeht.

Doch Carpe Diem ist kein frustrierendes Spiel. Es reiht sich ein in eine Mischung aus indirekter Interaktion und fröhlichem Optimieren. Nicht komplett Solitär, aber auch nicht dominiert von den Aktionen der Mitspieler. Ein typisches Eurogame eben, wie es heutzutage fast schon üblich ist.

Der Kreis im Stern

Für Diskussionen sorgte der Rondell Mechanismus. Unser Arbeiter bewegt sich in einem Rondell immer zu den zwei gegenüberliegenden Feldern. Dadurch entsteht ein Stern, welcher anzeigt, zu welchen Feldern man von welchem Feld aus gehen kann. Diese Anordnung macht es knifflig mehrere Züge im voraus zu planen und zu überlegen, wie man an ein bestimmtes Plättchen kommt. Dabei treten folgende Effekte ein: Entweder man überlegt lange um es auszurechnen – was für erhöhte Downtime sorgt ODER man spielt aus dem Bauch raus von Zug zu Zug, was zusammen mit der potentiell bestrafenden Wertung nicht optimal ist.

Doch ist die Sternform etwas besonderes? Nein, ist sie nicht. Wie findige Spieler beweisen konnten, ist der Stern mit den gegenüberliegenden Feldern nichts anderes als ein Kreis aus sieben Feldern, in dem ich mich immer nur ein Feld vor oder zurück bewegen kann. Klar, optisch deutlich langweiliger, aber eben auch deutlich überschaubarer. So könnte ich genau sagen: Ok, ich stehe nun auf der vier, ich muss zur sieben. Dann bin ich in drei Runden dort – das klappt. Bei der sternförmigen Anordnung von Carpe Diem halte ich drei Züge zu überblicken für eine starke Mentale Leistung

Wie kann man nur?!

Mehr schlecht als recht ist dahingegen die redaktionelle und optische Bearbeitung von Carpe Diem. alea typisch erwartet man eine gute Spielregel und bekommt diese auch. alea ist auch nicht gerade bekannt für bunte und optisch moderne Titel. Was nun mit Carpe Diem abgeliefert wurde muss aber als Fehler bezeichnet werden, der das gute Spielererlebnis negativ beeinträchtigt. Man dachte eigentlich, alea hätte aus dem Burgen von Burgun Farbproblem gelernt, genauer hinzusehen.

Die reine Optik – in meinen Augen trist und altbacken – ist Geschmackssache. Die Brote zum Beispiel, sehen aus wie abgeschnittene Baumstämme von oben. Wenn eine Illustration das Handling und Spielerlebnis erschwert, statt es zu unterstützen, dann ist gehörig was schief gelaufen und dann haben nicht nur der Illustrator, sondern auch der Redakteur und der Verlag gepennt. Bei Carpe Diem äußert sich das in mehreren Aspekten:

  1. Die Rückseite der Plättchen – Die Legeplättchen werden in zwei Arten unterschieden. Je nachdem ob sie in die allgemeine Rundenauslage oder in eine spezielle Auslage kommen. Diese Unterscheidung findet anhand der Rückseite statt. Rein anhand eines leicht unterschiedlichen Grüntons. Hell und Dunkel. Hell und Dunkel bei Farben wird aber je nach Licht sehr unterschiedlich wahrgenommen. Je geringer der Kontrastunterschied, desto schwieriger die Unterscheidung. Hier werden zusätzlich auch noch Farbenblinde diskriminiert, indem sie quasi keine Chance haben, die Plättchen zu unterscheiden. Mein Vorschlag wäre entweder ein Symbol – die Rückseiten sind während dem Spiel sowieso egal – oder ein optisches Schmankerln wie ein Busch, Blumen, Steine oder sonstiges, was auf eine Wiese passt.
  2. Optische Konstanz – Auf den Legeplättchen sind Häuser abgerundet, auf den Rahmen eckig. Wir Menschen unterscheiden anhand solcher markanter optischer Merkmale. Dass dies auf Rahmenteilen (für die Sonderpunkte) und Legeplättchen unterschiedlich ist, ist im besten Fall unaufmerksam, im schlimmsten Fall eben Spielbehindernd, da es für zwei unterschiedliche Dinge gehalten werden kann. Klar, Übung merzt den Fehler aus. Aber ist das der Anspruch eines etablierten Verlags, Illustratoren und Autoren? Ich hoffe nicht!
  3. Prototyp auf der Schachtelrückseite? – Erst durch Martin Klein bin ich auf diesen durchaus erheiternden Punkt gekommen. Auf der Rückseite der Schachtel ist Spielmaterial abgebildet, dass im finalen Spiel gar nicht mehr so aussieht. Hier war die Schachtel wohl vor dem Spielmaterial fertig. Peinlich!

Sicher, diese Makel halten nicht vom Spielen ab und verhindern auch nicht, dass Spielspaß aufkommt. Doch dürfen, nein müssen wir heute einfach mehr von einem Spiel erwarten. Besonders wenn ein renommierter Autor, Verlag und Illustrator dahinter stehen. Da haben die Verantwortlichen den mindestens einen Tag in der Entwicklung nicht richtig genutzt.

Wirklich ärgerlich, wenn auch ebenso schnell behoben, ist ein Regelfehler im Detail. Die Rahmenteile werden zufällig zusammen gepuzzelt. Dabei gibt es genau eine Kombination, die zwei gleiche Bonusfelder gegenüberliegend zeigt. Das ist von der Regel nicht abgedeckt. Braucht man da nun zwei Seen oder reicht ein See um beide Boni einzustreichen? Einfacher Fix: Sollte ein Rahmen so zusammen gepuzzelt werden, muss er anders zusammengesetzt werden. Problem solved. Doch auch dieses Problem hätte in der Entwicklung auffallen sollen. Wir sind ja nicht im Computerspiel-Sektor, wo das Spiel wie eine Banane beim Kunden reift. Wir wollen gelbe, leckere, besondere Bananen!

Reaktion der Redaktion

Während dieser Beitrag auf Veröffentlichung wartet, las ich die Rezension der Pöppelkiste zu Carpe Diem. Die Pöppelkiste hat beim Redakteur von Carpe Diem nachgefragt, was in einer zweiten Auflage geändert werden soll. Die Antwort: All die Kritikpunkte, die ich und andere aufgeführt haben. Naja fast alle. Also die handwerklichen Mängel. Das Grün wird unterschiedlicher, der Stern wird zu einem Kreis, die Rahmenteile werden optisch den Legeplättchen angepasst und der falsch platzierte Teich auf dem Rahmenteil wird auch verschoben. Na geht doch. Warum nicht gleich so, fragt man sich da.

Bilder

Und nun? Fazit?

Alex' Meinung

Carpe Diem ist für mich ein einfach zu lernendes, angenehm zu spielendes Legespiel. Durch sein liebloses Thema, die optische Gestaltung und die Makel die dadurch entstanden sind, kann es sich aus dem Feld der mittelmäßigen Spiele aber nicht wirklich absetzen. Ich mag das Spielgefühl, welches aufkommt. Es überfordert mich nicht, sondern fordert in angenehmen Maße und lässt mich meine Erfolge oder Misserfolge spüren.

Leider mangelt es Carpe Diem an redaktionellem Feinschliff und das beeinflusst das Handling des Spiels negativ. Etwas, das 2018 nicht mehr sein sollte.

Im Rahmen guter Stefan Feld Spiele empfehle ich: Greift zu Burgen von Burgund, wenn ihr ein sehr gutes Legespiel sucht!

Hat die Reaktion der Redaktion – also die Veränderung zu einer zweiten Auflage Einfluss auf meine Wertung? Ja. Definitiv und damit sitzt Carpe Diem bei mir sicher im „guten“ Bereich.

Zusammenfassend

Spielspaß

Gutes Spiel

Schönes Spielgefühl mit direktem Feedback zu Erfolg oder Misserfolg einer Runde. Spielreiz für viele Partien ist vorhanden. Leider optisch und redaktionell einiges versemmelt, so dass es bei mir im Durchschnitt versinken wird. Unter Vorbehalt der angekündigten Änderungen für eine zweite Auflage landet es allerdings im Bereich eines guten Spiels.

Diese Rezension basiert auf einem Rezensionsexemplar von Ravensburger Spiele / alea.
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Alexander

Hallo, ich bin der Alex, 1991 geboren und habe Boardgamejunkies ins Leben gerufen. Seit gut 5 Jahren liebe ich Gesellschaftsspiele und alles was damit zu tun hat und fröne dieser Leidenschaft hier. Mein Ziel? Gute Spiele spielen und besprechen und die Szene beleben und unterstützen.

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