18 November, 2017

  • Boardgamegeek
Rezension: Das Orakel von Delphi
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Rezension: Das Orakel von Delphi

Stefan Feld ist als Autor bekannt für seine Optimierspiele mit dem berühmten „Feld-Salat“. Der „Feld-Salat“ oder auch „Siegpunkte-Salat“ beschreibt dabei die Möglichkeit mit allem irgendwie Siegpunkte zu bekommen. Nun bewegen wir uns in die griechische Mythologie und alles ist anders. Nicht Siegpunkte sind das Ziel, sondern als erster die 12 Aufgaben des Gottes Zeus zu erledigen. Wie Odysseus machen wir uns somit auf eine gefährliche Reise gegen unsere Mitspieler. Ob das gefällt? Wir werden es sehen.

Ganz anders und doch wieder ein Stefan Feld

In Das Orakel von Delphi gibt uns Göttervater Zeus 12 Aufgaben mit auf den Weg, welche wir als erster erledigen wollen. Dabei sind das Errichten von Kultstätten, das Töten von drei Monstern, das Errichten dreier Statuen und das Erbringen von 3 Opfergaben unsere Ziele Unterstützung erhalten wir dabei durch das Orakel und die restlichen Götter des Olymps, welche wir aber erst gnädig stimmen müssen. Mit unserem Schiff fahren wir so durch die Ägäis um unsere Aufgabe möglichst effektiv zu lösen, denn Das Orakel von Delphi entpuppt sich allein durch die Siegbedingung als waschechtes „Pick Up and Delivery“-Spiel, also ein Wettrennen, bei dem wir Dinge aufnehmen und abgeben müssen – in diesem Fall: Die Statuen und Opfergaben. Wer bisherige Feld-Spiele kennt wird überrascht sein. In Das Orakel von Delphi finden sich eben keine Siegpunkte, dafür eine gehörige Portion Glück und trotzdem die Möglichkeit die Köpfe rauchen zu lassen und das eigene Glück zu steuern. Wer optimieren will, kann hier trotzdem seinen Spaß haben.

Glück ist wichtig bei der Seefahrt

Als antiker Seefahrer gehört eine Portion Glück sicherlich dazu. Unsere Taten sind Runde um Runde von den Weissagungen des Orakels abhängig. Abhängig vom Orakel? Ja, ein leichter thematischer Kunstgriff bestimmt, dass wir jede Runde das Orakel von Delphi befragen indem wir 3 Würfel werfen. Diese Würfel bestimmen mit ihren 6 Farben / Runen das Spiel. So können wir die Farben einsetzen um Aktionen der gleichen Farbe auszuführen. Ein Beispiel? Möchte ich auf ein blaues Seefeld fahren, brauche ich dafür einen blauen Würfel, möchte ich eine grüne Statue abgeben, brauche ich einen grünen Würfel usw. Somit sind die Möglichkeiten im eigenen Zug an Farben gebunden und damit ein Stück weit an den Zufall. Doch es wäre nicht Stefan Feld, wenn er uns vollends dem Glück ausliefern würde. Wir können über die Gunstplättchen (quasi die Gunst des Zeus) die Farbe der Würfel beeinflussen und zwar innerhalb des Farbkreises im Uhrzeigersinn.

Doch dem Glück noch nicht genug, beim bekämpfen von Monstern wird ebenfalls gewürfelt und am Ende einer jeden Runde kann uns der Titanenwürfel auf die Füße treten, sofern man nicht genug Schilde zur Verteidigung hat. Wer danach 6  beliebige Wunden oder 3 Wunden einer Farbe hat setzt aus – in vielen Runden ist das der Todesstoß.

Wir sehen also, Glück ist wichtig, doch es ist planbar. Durch viele Nebenaktionen, die mit einem beliebigen Würfel ausgeführt werden können, ist unser tapferer Seefahrer nie komplett dem Glück überlassen, nutzlose Spielzüge gibt es dadurch quasi nicht. Alles lässt sich irgendwie verarbeiten. Das Gefühl, dass ein Zug nicht der optimale war, lässt sich aber nicht vermeiden.

Und so wird doch wieder optimiert bis die Köpfe qualmen

Mit den Einflussmöglichkeiten und einer Ägäis voller Möglichkeiten kommt jeder der gerne Optimiert weiterhin auf seine Kosten. In jedem Zug hat man mindestens 5 offensichtliche Optionen und gefühlt 100 versteckte, die man durchdenken könnte. Hier kommt es auf die Spielgruppe drauf an, ob das tatsächlich passiert. Eine Gruppe die bisher Spiele wie Trajan von Stefan Feld gemeistert hat und Spaß dabei hatte, sollte auch hier keine Probleme haben. Die Möglichkeit aus allem etwas machen zu können sorgt für Motivation und Spaß, egal wie die Würfel fallen, ich muss sie nur optimal nutzen. Es gilt Wege zu planen, dabei zu schauen welche Würfel man benötigt und wie man dieses Ziel mit dem geringsten Risiko erreicht. Risiko-Management ist ein wichtiger Faktor bei Das Orakel von Delphi. Gehe ich in einen Kampf ohne Gunstplättchen mit wenig Schilden ist das Risiko hoch, dass die Aktion umsonst ist, weil ich verliere. Bereite ich mich richtig vor, ist die Chance berechenbar. Es ist also alles eine Frage dessen, wie weit ich bereit bin etwas durchzudenken.

Klingt alles ganz gut, was gefällt den nicht?

Mein erster Impuls wäre alles und nichts! Häh? Ja, Das Orakel von Delphi ist eigentlich eine Art Spiel, mit der ich persönlich nicht viel Anfangen kann. So spiele ich zwar gerne Spiele mit viel Glücksfaktor (Eldritch Horror und Co), doch möchte ich keine langen Aktionen planen, nur damit diese dann vom Pech zunichte gemacht werden. Damit wir uns nicht falsch verstehen, Das Orakel von Delphi macht hier quasi alles richtig. Es macht das Glück plan- und somit optimierbar. Allerdings kann es eben trotzdem sein, dass der Glücksritter der Runde einen Durchmarsch hat und man schon ahnt: Da komm ich nicht mehr gegen an.

Zur Spielzeit: Bei 4 Spielern kann Das Orakel von Delphi naturgemäß etwas dauern, es macht aber nicht weniger Spaß, da man am Ende des eigenen Zuges die Würfel erneut würfelt, hat man somit die Möglichkeit die eigenen Optionen zu durchdenken. Des Weiteren ist der Würfelwurf der Mitspieler für mich selbst relevant, den die Farbe eines Würfels kann ich nutzen, um in der Gunst des farblich passenden Gottes zu steigen. Wenn jeder seinen Zug vorausplant, geht das Spiel doch wieder schnell.

Insgesamt wirkt das Spiel sehr arm an Interaktion, hat aber hin und wieder seine Spitzen. Wenn mir eine wichtige Opfergabe oder Statue vor der Nase weggeschnappt wird, ist das ärgerlich und hin und wieder lohnt es sich, genau darauf zu achten, dies tun zu können – wir befinden uns schließlich in einem Wettrennen.

Und was macht das Spiel jetzt wirklich gut?

Das Spiel bleibt spannend! Selbst wenn ich nach der Hälfte der Partie das Gefühl habe, dass ich gegen diesen Glücksritter der schon 5 Aufgaben Vorsprung hat, nicht mehr ankomme, so besteht eben doch die Chance, dass ihn das Pech und mich das Glück trifft. Würfel sind launisch und verdeckte Teile auf dem Spielplan (Plätze für die Kultstätten) sowieso. Es ist im Rahmen des Möglichen aufzuholen und bei all dem Glück hat man immer das Gefühl, dass der Spieler mit der besseren Planung das Spiel für sich entscheidet. Das hat Stefan Feld an der Stelle hervorragend ausbalanciert.

Ebenso hervorragend ist der variable Spielplan. Die Ägäis wird jede Partie neu zusammengesetzt. Mal ist es fordernder, mal leichter, aber dadurch, dass alle Spieler die gleichen Aufgaben haben, ist es immer fair und jede Partie fühlt sich frisch an.

Die ansprechende Optik und das wunderschöne Spielertableau tun ihr übriges.

Eine spannende Abwechslung im sonst so bekannten Feld-Salat

Das Orakel von Delphi war für mich eine wirkliche Überraschung. Anfangs sprach es mich gar nicht an. Reine Optimierspiele sind eben nicht so meins und der Name Stefan Feld steht nun Mal dafür. Dann bekamen die Würfel mehr Beachtung: Glück! Kein reines optimieren und ein griechisch mythologisches Thema noch dazu. Ok, das Interesse war geweckt. Eine Partie auf der SPIEL 2016 in Essen brachte wieder etwas Ernüchterung. Ich war aber auch gesundheitlich angeschlagen. Endlich kam das Spiel auf den heimischen Tisch und ich muss sagen: Ich verfalle nicht in Euphorie, aber ich habe Spaß. Stefan Feld hat etwas anderes probiert und das meiner Meinung nach erfolgreich. Er hat Glück und Optimierung zu einem positiven motivierenden Spielgefühl verwoben und ergreift damit die Chance alte Fans mitzunehmen und neue zu gewinnen.

Die Erklärung für das Orakel erschließt sich mir thematisch zwar nicht ganz, aber das wollen wir einfach Mal so hinnehmen. Die Balance zweier Extreme ist Stefan Feld auf jeden Fall sehr gut gelungen und aufgrund der kurzen Spielzeit von 60 bis 90 Minuten würde ich selten zu einer Partie Nein sagen.

Bewertung

Spielspaß ist subjektiv und so macht das Orakel von Delphi nicht wirklich etwas falsch. Es hat einfach nur das „Pech“ nicht ganz meinen Nerv zu treffen. Trotzdem gilt das, was ich geschrieben habe: Zu einer Partie würde ich selten nein sagen. Das Thema passt hier sehr schön zum Spiel und Stefan Feld hat für mich endgültig bewiesen, dass er ein sehr guter und flexibler Autor ist.

Gutes Spiel

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Über den Autor

Hallo,
ich bin der Alex, 1991 geboren und habe Boardgamejunkies ins Leben gerufen. Seit gut 5 Jahren liebe ich Gesellschaftsspiele und alles was damit zu tun hat und fröne dieser Leidenschaft hier. Mein Ziel? Gute Spiele spielen und besprechen und die Szene beleben und unterstützen.

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