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Rezension: Viral

Area-Control im menschlichen Körper

Ein Virusplättchen platziere ich im Herz. Von dort bewege ich es per Arterie in die Niere und attackiere den Erreger meines Mitspielers. Das Organ kollabiert, zu viele Viren auf einmal in der Niere. Schlecht ist das nicht, ich habe die meisten Viren dort und bekomme jetzt Punkte. Außerdem kommt gleich das Ereignis „Kleines Geschäft“, da wird eh alles aus der Niere rausgespült. Willkommen bei Viral!

Die Organe sind hauptsächlich durch die Arterien (Rot) und Venen (blau) miteinander verbunden. Auf diesen „Straßen“ bewegen wir unsere Viren

Viral ist ein Area-Control-Spiel mit einem frischen Thema. Ich bin ein Virus und muss Organe eines menschlichen Körpers infizieren. So frisch das Thema ist, für manche könnten es verwerflich sein. Das Spiel nimmt sein Thema aber nicht wirklich ernst und bietet eine überzogene, Comic-gleiche Präsentation.

Das Spielbrett ist in sechs Zonen unterteilt, jeweils mit einem oder mehreren Organen. Der Spieler muss jetzt versuchen die Organe mit seinen Viren zu dominieren und dadurch Punkte zu bekommen. Das geht so:

Phase 1: Contagion

Jeder Spieler hat sechs Zonenkarten und sieben Aktionskarten. Gleichzeitig wählen die Spieler verdeckt eine Zonen- und eine Aktionskarte. Die Karten werden aufgedeckt und ausgeführt. Die Zone gibt dem Spieler vor, wo er seine Aktionskarte einsetzen darf.(Manche Karten erlauben auch ein zonenfremdes agieren). Hat also ein Spieler die Zone Gehirn gewählt und dazu eine Aktionskarte mit dem Befehl infizieren ausgewählt, legt der Spieler einen seiner Virusplättchen in das Gehirn. Neben infizieren gibt es noch weitere Befehle wie bewegen, gegnerische Viren attackieren oder einen Virus mit einem Schild schützen. Sobald man auf der Siegpunktleiste voranschreitet, bekommt man neue Karten in sein Deck. Pro Spiel sind das maximal vier. Die Karten bringen teilweise Siegpunkte am Ende, als auch neue Befehle wie zum Beispiel das „Absorbieren“. Dabei saugt ein Virus temporär alle anderen Viren in einem Organ unter sich auf und gibt sie erst am Rundenende wieder frei. Die aufgesaugten Viren sind dadurch quasi nicht vorhanden und zählen auch nicht für die Mehrheitswertung in Phase 2.

Das Spielertableau mit ausgespielten Zonen und Befehlskarten.

Nachdem alle ihren Zug gemacht haben, wird das Prozedere noch einmal wiederholt. Danach werden die genutzten Karten erstmal weggelegt und können erst in der übernächsten  Runde wieder vom Spieler genutzt werden. Man kann also zum Beispiel nicht zwei Runden hintereinander das Gehirn als Aktionszone wählen.

Phase 2: Beherrsche die Organe!

Jetzt gibt es erstmal Punkte. Jede Zone bringt unterschiedlich viele, wie viel genau wird beim Spielaufbau zufällig bestimmt. Wichtig hierbei, man muss in allen Organen einer Zone vertreten sein und die meisten Viren insgesamt haben, um Punkte zu bekommen.

Ebenfalls in dieser Phase schlägt Pharmaindustrie zurück. Je mehr Punkte ich grade zuvor bekommen habe, desto stärker wird an einem Heilmittel gegen meinen Virus geforscht. Was es damit auf sich, dazu später mehr.

Phase 3: Abwechslung im Körperalltag

Beispiele für Ereigniskarten

Die Ereignisphase. Pro Runde tritt ein Ereignis in Kraft. Das Ereignis ist von Anfang der Runde an offen für alle sichtbar. Hinter den Ereignissen können Bonuswertungen stecken (Liebe: Wer im Herz dominiert bekommt einen extra Siegpunkt) oder auch Ereignisse die zum Beispiel die Anzahl der Viren reduziert. (Großes Geschäft: Entferne alle Viren aus der Darm-Zone).

Phase 4: Episode V-Das Immunsystem schlägt zurück

In dieser Phase schreitet die Körperabwehr ein, und zwar dort wo in Phase 1 Organe kollabiert sind. Ein Organ kollabiert, sobald sich in dem Organ eine gewisse Anzahl von Viren befindet, egal von welchem Spieler. Bei fünf Spielern zum Beispiel gibt es einen Kollaps bei fünf Viren gleichzeitig in einem Organ. Derjenige Spieler, der in dem Organ die meisten Viren hat, bekommt zwei Punkte, alle anderen einen. Es „lohnt“ sich also bei einem Kollaps dabei zu sein. Sind die Punkte vergeben, werden alle Viren aus dem Organ entfernt, mit Ausnahme der Viren, die durch ein Schild geschützt sind.

Kollaps in der Niere

Phase 5: Gibt es das auch von Ratiopharm?

Am Ende von Phase zwei sind die Marker der Spieler die Forschungsleiste hochgegangen, je nachdem wie viel Punkte sie zuvor gemacht hatten. Hat ein Marker das obere Ende erreicht, ist ein Heilmittel gefunden worden und alle Viren des betreffenden Spielers werden vom Spielbrett entfernt. Auch hier sind Viren, die zuvor durch einen Kartenbefehl auf die Schildseite gedreht worden sind, geschützt. Der Schildschutz funktioniert übrigens in allen Fällen immer nur einmal, danach werden die Viren wieder auf ihre normale Seite gedreht.

Der Vorrat an eigenen Viren ist begrenzt. Manchmal ist so etwas eine gute Gelegenheit, seine geliebten Erreger zurückzubekommen, um sich dann im Körper neu zu orientieren.

Phase 6: Die letzten werden die Ersten sein

Zum Schluss der Runde wird die Reihenfolge der Spieler angepasst.  Dazu schaut man sich die Siegpunktleiste an. Der erste auf der Leiste kommt nach hinten, der zweite wird vorletzter usw. Die Rangfolge ist entscheidend, immer wenn auf dem Brett bei einer Wertung Gleichstand herrscht, entscheidet die Rangfolge.

Nach sechs Runden ist Schluss und der Spieler mit den meisten Siegpunkten gewinnt.

Und sonst?

Das Artdesign ist gelungen. Detailreiche, witzige und bunte Illustrationen bestimmen das Spielmaterial. An der Qualität der Komponenten gibt es nichts zu mäkeln. Alles ist solide und schön anzusehen. Auch die bebilderte Anleitung mit zahlreichen Beispielen ist auf einem hohen Niveau und lässt einen nach kürzester Zeit loslegen.

Fazit

Viral macht vieles richtig. Das Thema kommt wunderbar durch und ist schön unverbraucht. Die Mechanik mit den verdeckten Zügen der Spieler funktioniert ausgesprochen gut. Ich muss genau überlegen, wie ich meine Aktionskarten einsetze und vor allem wo. Da ich in einer Runde nie die Karten der letzten Runde nutzen darf, muss man sich andere Lösungen überlegen. Kluges Bewegen entlang der Arterien und Venen ist hier der Schlüssel.

Viral hat aber auch eindeutige Schwächen.  Das Spiel dauert, für das was es bietet, einfach zu lang. Bei mehr als drei Spielern findet man sich fast immer im 2 Stunden Bereich.  Diese 2 Stunden ziehen sich am Ende ganz schön.  Das Spiel bewegt sich  im Prinzip immer auf dem gleichen Spannungslevel und plätschert teilweise vor sich hin. Zwar kommt durch die Ereigniskarten und die zusätzlichen Befehlskarten Varianz in das Spiel, jedoch reicht das nicht! Insgesamt kann ein Spieler vier neue Karten mit teilweise neuen Befehlen bekommen, aber auch nur dann, wenn er zügig bis zum Spielende auf der Punkteleiste voranschreitet. Dem Spiel fehlt einfach zum Ende heraus der Höhepunkt. So etwas macht zum Beispiel Blood Rage richtig gut, über die Runden werden dort die Karten merklich besser und mächtiger. Der Mini-Deckbuilder bei Viral kann das nur ansatzweise.

Das Spiel funktioniert am besten mit vier bis fünf Spielern, dann ist einfach mehr los auf dem Brett. Bei zwei Spielern kommt ein Bot hinzu. Das funktioniert überraschend gut, trotzdem sollte man das Spiel nicht als primäres Zwei-Spieler Spiel kaufen. Area-Control funktioniert auch hier am besten mit mehr Spielern.

Ich hatte meinen Spaß mit diesem Spiel. Viral ist ein solides, von den Regeln einfaches Spiel, mit genug Möglichkeiten, um den Kennerspieler zu beschäftigen. Nach der fünften und sechsten Partie war bei mir die Luft aber dann langsam raus. Es bleibt in meiner Sammlung, aber zu oft hintereinander wird es nicht mehr auf den Tisch kommen.

Zusammenfassend

Spielspaß

Mittelmäßiges Spiel

Tolles unverbrauchtes Thema. Leider zu langatmig mit fehlendem Höhepunkt im Spannungsbogen.

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Gunnar

Baujahr 76 mit Leidenschaft zu komplexen Euros. Grundsätzlich aber immer offen für fast alles. Hauptsache es wird gespielt! Ein Spiel muss zudem „schön“ aussehen, ja das geht auch bei Euros. Stark Abstrakte Spiele kommen mir nicht auf den Tisch, genauso wenig wie Carcassonne und Splendor.

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2 thoughts on “Rezension: Viral”

  1. Mein Sohn (10 Jahre) und ich haben das Spiel auf der diesjährigen Spielemesse in Leipzig angespielt und waren leider nicht sehr angetan. „Einfach von den Regeln“ fanden wir es nämlich überhaupt nicht, was allerdings auch mit der hektischen Messeatmosphäre und der holprigen Erklärung der netten jungen Frau am Stand zutun haben kann.

    Wir mögen Schwergewichte wie Civilization, Age of Mythology oder Agricola, aber hier fanden wir das Reglement unnötig kompliziert. Auf allen Seiten gibt es Leisten und Marker die man beachten muss, Unmengen an Karten und eben Markern sowie Regeldetails brachten uns eher zur Verzweiflung denn Verzückung. Was etwas schade war, denn die optische Aufmachung ist ohne Zweifel super und das unverbrauchte Thema erinnerte angenehm an Spiele wie Plague Inc.

    Kaufen werden wir es uns wohl nicht, dafür ist es uns zu frickelig. Zusammen mit der scheinbar arg gestreckten Spielzeit dürfte es kaum für Kinder geeignet sein und erwachsene Spielepartner die sich das antun hab ich leider nicht soviele zur Hand.

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