Angespielt

Angespielt: Das Streben nach Glück

Das Streben nach Glück – ein ganzes Leben eines Menschen in einem Spiel und was für ein Ritt das war, Mensch, davon kann ich noch in Jahren erzählen.

Vom Studentenprotest zum Bundeskanzler

Mein Plan stand schnell: Ich werde politisch aktiv. Als charismatischer Mensch sollte das doch kein Problem sein! Auf geht’s, das erste Lebensziel ist der Studentenprotest und die erfolgreiche Wahl in den StuRa (wahrscheinlich Studentenrat – ich kenn‘ nur das StuPa – Studierendenparlament). Digitalkamera gekauft und ab geht’s auf die erste Demo. Nicht lange und ich stieg in den Kreisen der Studentenprotesten zum „Wütende-Briefe-Schreiber“ auf. Ha! Wer könnte das besser als ich! Das hab ich doch definitiv bewiesen, dass ich wütende Briefe schreiben kann.

Ungefähr zeitgleich lernte ich Nicole kennen. Eine wunderschöne Frau – blond, jung – wahrscheinlich studiert sie Jura oder Wirtschaftswissenschaften – nicht ganz meine politische Einstellung, aber wo die Liebe hinfällt.

Nur das Geld… protestieren, studieren und eine hübsche Frau daten – das geht definitiv in’s Geld. Doch die deutschen Studenten scheinen mich zu lieben. Ohne es zu merken wurde ich in einer Studentenpartei durchgereicht und wurde quasi über Nacht Bundeskanzler. Wahnsinn! Endlich an der Macht! Geld ist jetzt kein Problem mehr! Aber die Zeit… Immer dieses Problem: Geld oder Zeit. Jetzt hab ich Unmengen Geld, aber keine Zeit mehr. Ne nichts für mich. Ich hab doch noch nicht Mal was studiert. Wie komm ich hier wieder raus? Ich will Zeit und Geld!

Die Lösung: Ruhestand! Ein Bundeskanzler bekommt auch im Ruhestand ordentlich Kohle! Das ist ein Plan. Ein bisschen Luxus einkaufen und ab in den Ruhestand! Ich hab Style und das Geld würde ich sagen! Also was macht man mit der Kohle? Na logo, man gönnt sich ne Yacht. Als junger Bundeskanzler muss man beweisen, dass dieses Amt auch mit Style geführt werden kann. Kolegah, Capital Bra und Kontra K eingeladen und ab geht’s auf die Party Yacht.

Wenn das liebe Geld nicht wäre

Leider hab ich mich in meinem Lebensstil etwas verkalkuliert. Die Yacht, das Weinregal, die teure Schuhsammlung von Nicole, all das ging dann doch etwas über meine Verhältnisse – Also brauchte ich dringend Geld. Denn hergeben, war keine Alternative. Und wie das so ist, wenn man schnell Geld braucht, macht man jeden Job – in diesem Fall einen Aushilfsjob. Vom Bundeskanzler zum Burgerbrater bei Megges – was für ein Abstieg. Aber der wirkliche Abstieg wäre es gewesen, meine teuren Habseligkeiten wieder abgeben zu müssen. Daher geht das schon klar. Allet für dat Jeld, allet für Nicole oder so.

Doch Geld macht nicht glücklich

zumindest nicht glücklich genug. Um meinen Lebensstil weiterhin zu finanzieren heuerte ich als Pressesprecher in einem Unternehmen an – wie das Politiker so machen. Nur verpasste ich es, mir einen gut dotierten Job zu suchen – z. B. bei Gazprom. Naja. Wenigstens lief mein Leben jetzt. Ich hatte eh nicht vor viel zu arbeiten. Ich wollte studieren! Um endlich Ahnung von dem Zeug zu haben, dass ich in meiner kurzen Amtszeit als Bundeskanzler so vollbracht habe, ging ich Politikwissenschaft studieren. Wobei mir die einzelnen Module sehr komisch vorkamen. Einführung in die Politik ok, das braucht man definitiv. Aber „richtige Krawatte raussuchen“ und „Lügen für fortgeschrittene“? Ich will Wissenschaftler werden und kein Politiker. Immer dieser Irrtum mit Politikwissenschaft würde man lernen Politiker zu sein…

Nicole hab ich mittlerweile abgeschossen. Die Frau machte wirklich nicht glücklich. Jetzt steht Mel – die Punkerin – an meiner Seite und alles steht auf Familiengründung! Volle fahrt voraus in den Lebensabend!

Ich hab Geld und keine Zeit

Schon wieder dieses elendige Problem: Geld oder Zeit. Job und Familie bindet viele meiner zeitlichen Ressourcen und dann macht einem auch noch das Alter zu schaffen. Naja, wenigstens mein Studium muss ich noch abschließen!

Das klappte dann später als geplant. Im ersten Rentenabschnitt beendete ich endlich mein Studium der Politikwissenschaft. Studieren ü60 macht’s möglich. So beendete ich mein Studium. War ziemlich glücklich und… starb kurz darauf. Ein erfülltes Leben im Vergleich zu meinen Kontrahenten. Oder?

Diese alten Drecksäcke legten nämlich im Rentenalter richtig los. Lebten länger als ich, erfüllten sich als alter knacker ihre Materiellen Wünsche und so schaffte es einer tatsächlich an mir vorbei zu ziehen und ein anderer zog mit mir gleich auf.

Bilder zu meine fulminanten Leben gibt’s oben im Tab unter „Bilder“.

Das war’s thematisch. Was bleibt mechanisch?

So, jetzt habt ihr einen Eindruck, welche Geschichten man sich in einer Partie Das Streben nach Glück zurecht legen und denken kann. Doch was steckt mechanisch dahinter? Eigentlich ziemlich simples Workerplacement mit ein paar Kniffen. So kann ich ein Feld doppelt besetzen, das kostet mich dann aber Stress. Bei zu viel Stress, verlier ich Worker. Die Work-Life-Balance ist also wichtig. Trotzdem hat Das Streben nach Glück meiner Ansicht nach (Ersteindruck!) ein paar Designentscheidungen, die mir nicht gefallen. Zu aller erst wäre da das unterschiedlich frühe oder späte ausscheiden im Spiel. Das fühlt sich unbefriedigend an, da es nur sehr wenige Karten zu geben scheint, mit denen man seine Gesundheit steigern kann um erst später auszuscheiden. Des weiteren bekommen „gesunde Spieler“ mehr Worker. Das heißt die Spieler die diese Karten bekommen – und das wird oft durch den Zufall und die Spielerreihenfolge determiniert – haben einen doppelten Vorteil: Sie haben in den späteren Runden mehr Worker und scheiden auch noch später aus der Partie aus. Die gestorbenen Spieler dürfen am Ende dann zugucken wie noch der letzte Punkt raus optimiert wird – spannend… Nicht!

Eine weiterer Punkt bringt mich dazu, Das Streben nach Glück nicht als Einsteigerspiel zu empfehlen. Es sind die Detail-Regeln: Wann bekomme ich Stress? Wie viele Karten darf ich haben? Welche davon? Darf ich mir noch eine vierte nehmen oder bekomm‘ ich den Stress sofort? Kann ich meinen Beruf wechseln? Wie geht das mit der Beförderung? Alles an sich nicht wirklich kompliziert und in der zweiten Partie sicher wesentlich besser verinnerlicht. In Summe aber dann doch wieder anstrengender als es sein müsste.

Zuletzt kommt dann noch die Spielzeit. Da man sehr wenig planen kann – aufgrund der sich verändernden Kartenauslage – überlegt man in fast jedem eigenen Zug neu. Das erhöht die Downtime extrem. Interaktion gibt es dagegen so gut wie gar keine. Zu viert haben wir 2 Stunden 15 Minuten gespielt. Das ist zu lang. Locker ne 3/4 Stunde zu lang. Daher tendiere ich dazu, dass das Streben nach Glück eher ein 2 Personen Spiel ist. Hier entsteht aber dann das Problem, dass man wesentlich weniger Kartendurchlauf hat und die Karten die man braucht (gerade in Bezug auf den Job und die Beförderungen) vielleicht gar nicht ins Spiel kommen. Von den Gesundheitskarten ganz zu schweigen.

Aktuell würde ich Das Streben nach Glück noch Mal mit spielen, bezweifel aber, dass ich mich aktiv für eine dritte Partie interessieren können werde.

Alex

Hi ich bin Alex '91 geboren und habe Boardgamejunkies ins Leben gerufen. Seit gut 5 Jahren liebe ich Gesellschaftsspiele und alles was damit zu tun hat und fröne dieser Leidenschaft hier. Mein Ziel? Gute Spiele spielen und besprechen und die Szene beleben und unterstützen.

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