Kolumnen

Kulturkritik am Spiel oder „Darf er das?“

Oft ist die Rede vom Kulturgut Spiel. Besonders der Verein Spiel des Jahres hält dieses hochtrabende Wort immer wieder hoch. Ist es doch auch als Ziel des Vereins definiert. Doch dieser Artikel soll sich gar nicht um den Verein Spiel des Jahres drehen, sondern um die Gedanken und die Kritik die damit verbunden ist, wenn man Spiele als kulturelle Schöpfung wahr nimmt.

Stein des Anstoßes ist ein Artikel des tumblr-Blogs „Mostly true things“. Die Autorin ist, nach eigener Aussage, eine ehemalige Asmodee North America Mitarbeiterin. Im Grunde wirft sie dem Brettspiel „Conan“, welches über Kickstarter finanziert wurde, ein Sinnbild für die Herrschaftsfantasie der „weißen Rasse“, sowie Sexismus, Rassismus und eine Objektifizierung der Frau.

Hier geht es zum englischen Artikel: http://doctacynthia.tumblr.com/post/153097860054/grab-em-by-the-board-game

Conan der Barbar entstand in den 30er Jahren, als noch ganz andere gesellschaftliche Meinungen und Bilder herrschten. Auf dieser Vorlage basiert das Spiel und versucht dieser Vorlage gerecht zu werden. Allerdings stellt sich die Frage inwiefern man sich mit dem vermittelten Gesellschaftsbild auseinandersetzt.

Conan, der muskelbepackte weiße Barbar tötet Gegner die optisch an Indianer und Asiaten erinnern. Die einen tragen Federn, sind dunkelhäutig und haben typische Kleider an, welche man den Indianern zuschreibt. Die anderen haben typische historische japanische Gewänder an, welche besonders in unserem Kulturkreis schnell mit Japan in Verbindung gebracht werden. Das wäre noch kein großes Problem. Die Gegner werden aber ebenso entmenschlicht, in Massen abgeschlachtet und als unzivilisiert dargestellt. Als wäre das noch nicht genug, rettet Conan die weiße Prinzessin.

Ok, Held rettet Prinzessin Geschichten haben per se noch nichts mit Sexismus und Rassismus zu tun, aber bei Conan kommt noch die spielerische Komponente hinzu. Die Prinzessin ist nur ein Objekt, das getragen werden muss. Sie kann nicht selbst agieren. Des Weiteren gibt es nur eine weitere weibliche Rolle im Spiel: eine Heldin welche spielerisch eher als Unterstützer, denn als eigen agierende Heldin auftritt. Hab ich schon erwähnt, dass die Prinzessin weiß ist? Woher ich das weiß? Na das wird mit passenden Illustrationen geschmückt wie z.B. die des Regelhefts.

Dort zu sehen ist Conan, wie er vor einer lasziv liegenden, nackten Prinzessin steht. Der bepackte Krieger in voller Montur steht vor dem Objekt der Begierde – seinem Ziel. Das Bild lässt ohne jeden Zweifel mehrere Wege zu, wie man es weiterspinnt. Der Barbar Conan kann die Prinzessin hochheben und aus ihrer Misere befreien und sie leben glücklich bis an ihr Lebensende.

Der Barbar Conan kann sich die Prinzessin aber auch einfach nehmen. Ihr Wille spielt dabei keine Rolle. Halb komatös (Augen geschlossen), könnte der Barbar mit ihr machen was er will. Wer aufmerksam liegt merkt: Es bleibt beim könnte. Es ist im Rahmen des Möglichen. Das Bild und das Setting – der Kontext – lassen diese Interpretation zu.

Das ist der Punkt an dem ich explizit ansetzen möchte. Es geht nicht darum, ob Conan ein gutes Spiel ist. Es geht um gesellschaftliche Implikationen.

Kultur und gesellschaftliche Einstellungen spiegeln sich schon immer in Kunst und Literatur wieder. Sie sind ein wesentlicher Ausdruck des kulturellen Schaffens und eben auch der kulturellen Begebenheiten einer Zivilisation. Gesetzt der Prämisse, dass wir Brettspiele als kulturelles Machwerk ansehen, ist also auch dieses Spiel, obwohl basierend auf einer Vorlage aus den 30ern, ein Spiegel der heutigen kulturellen Begebenheiten.

In einer Zeit in denen es in den USA Konflikte zwischen einer weiß dominierten Polizei und einer Minderheit der people of color gibt, in einer Zeit in der ein misogyner Rassist wie Donald Trump US-Präsident werden kann (unabhängig davon, ob Hillary (Killary) Clinton die bessere Wahl gewesen wäre), in einer Zeit in der Flüchtlingsheime brennen und eine Partei wie die AfD, FPÖ, Front National und viele andere nationalistische Bewegungen groß werden, muss man sich einfach Fragen: Wollen wir das?

Es gab schon viele Reaktionen zu diesem Thema. Viele gingen in die Richtung, dass ihnen Zensur zu wider wäre oder das man selbst als Frau, die Freundin, eine Freundin etc. sich durch sowas nicht gestört fühlen. Ich möchte betonen, dass es nicht um den einzelnen Menschen geht. Ich möchte betonen, dass man kein schlechterer Mensch ist, weil man sowas spielt. Ich möchte die Frage aufgreifen, ob es als Verlag im Jahr 2016 nötig ist, solche Stereotypen unkritisch zu reproduzieren.

Ich habe für mich eine eindeutige Antwort: Nein ist es nicht!

In einem Forum wurde der Vergleich mit H.P. Lovecraft aufgeworfen. Seine Geschichten sind teilweise zutiefst rassistisch. Spielt bitte Mal Arkham Horror, Eldritch Horror und Co. Das sind grandiose Spiele, die ihrer literarischen Vorlage mehr als gerecht werden. Rassismus sucht man dort aber vergebens. Die Spieler spielen Männer wie Frauen jeder Hautfarbe. Alles kein Problem, stört das Spiel in keinster Weise.

Es geht nicht darum, dass Motiv der Prinzessin, welche gerettet werden will, zu verbieten. Es geht darum, wie dieses dargestellt wird, welche Implikationen es mit sich bringt, besonders Unterstützt durch den Kontext.

Nachdem bereits Mombasa von eggertspiele / Pegasus Spiele erst unkritisch, dann immerhin mit einem Vorwort mit dem Thema Kolonialismus umging, folgt nun also das nächste Spiel, welches diese Art der Fragen aufwirft. Jetzt wird mancherorts erwidert: Conan ist ein Fantasy-Setting, da darf man alles. Das ist allerdings das gleiche Totschlagargument wie „Es ist nur ein Spiel.“ Natürlich, per se darf man alles in einem Spiel darstellen. Man muss nur dann damit rechnen, dass dies hinterfragt und kritisiert wird. Nochmal: Es geht nicht um eine Zensur. Es geht darum, ein Bewusstsein für solche Thematiken zu schaffen. Gerade weiße Europäer haben kulturell eine große Schwierigkeit sich in solche Empfindungen hineinzufühlen. Fast täglich bekommt man die Diskussion um „Negerküsse“ [sic!] und „Zigeunerschnitzel“ [sic!] mit. Und dann immer wieder das Argument: Ich kenne einen people of color / Sinthi / Roma und den stört diese Bezeichnung nicht. Bei Empfindungen und einem so kritischen gesellschaftlichen Thema genügt eine Falsifizierung nicht. Es geht nicht um All-Aussagen wie: Jeder Sinthi / Roma fühlt sich vom Wort Zigeunerschnitzel [sic!] gestört. Es geht vielmehr darum, ob wir solche Worte in einer toleranten Gesellschaft, die Wert auf ein harmonisches Miteinander legt wirklich brauchen. Ich habe für mich entschieden: Nein, brauchen wir nicht. Mir fehlt nichts, wenn man darauf verzichtet. Die Speise wird ja nicht verboten, nur der Name wird geändert.

Anders ist es bei historischen Begebenheiten, über die im Nachhinein berichtet wird. Da gilt es natürlich nichts zu schönigen, sondern es möglichst realitätsnah abzubilden. Natürlich muss man immer wieder vereinfachen und beschränken. Die Sorgfalt besteht darin, den Sinn nicht zu entstellen.

Jetzt schlagen wir aber Mal wieder die Brücke zu Conan: Wäre Conan nun ein Produkt, bei dem es darum geht, zu zeigen welche Weltbilder Conan transportiert, wäre es natürlich vollkommen richtig, den Rassismus und Sexismus aufzunehmen. Er müsste aber kritisch betrachtet werden. Dies geschieht bei dem Brettspiel nicht. Es will einerseits ein Kulturgut sein und andererseits will es doch nur ein Spiel sein, welches keinerlei tiefer gehenden Implikationen besitzt. Das funktioniert nicht. Conan soll Spaß machen. Mit diesem Spaß wird aber ein Bild von Rassismus und Sexismus vermittelt. Nicht offensiv, eher ein bisschen versteckt.

Wenn Monolith sich wirklich vom Rassismus hätte entfernen wollen, ohne die Vorlage zu sehr zu verlassen, so wäre dies mit einigen kleinen Änderungen durchaus gelungen. Das AUffälligste wäre gewesen: Den Gegnern die ethnischen Stereotypen von Indianer und Asiate zu nehmen und stattdessen auf Diversität zu setzen. Ebenso bei den Heldenfiguren. Wo ist eine Valeria als weiblicher Part zu Conan?

Sowas wird vielleicht nicht bewusst weggelassen, sowas macht einen auch nicht gleich zum Rassisten und Sexisten. Aber unbewusst passiert da eine ganze Menge und das muss zumindest angesprochen werden.

Für eine Welt voller Brettspiele, die Rassismus und Sexismus kritisch hinterfragen statt dumpf zu reproduzieren. Mit Männlichen und Weiblichen Versionen von Charaktern hat es in sehr vielen Spielen doch mittlerweile auch geklappt.

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Alexander

Hallo,
ich bin der Alex, 1991 geboren und habe Boardgamejunkies ins Leben gerufen. Seit gut 5 Jahren liebe ich Gesellschaftsspiele und alles was damit zu tun hat und fröne dieser Leidenschaft hier. Mein Ziel? Gute Spiele spielen und besprechen und die Szene beleben und unterstützen.

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1 thought on “Kulturkritik am Spiel oder „Darf er das?“”

  1. Dass wir deutschen im die Vorletzte Jahrundertwende von den Engländern und Franzosen entmenschlicht wurden und als Barbaren dargestellt wurden um einen Krieg zu rechtfertigen interessiert heute ja auch niemanden mehr. Meiner Meinung nach geht diese Kultur des „ständig-wegen-allem-beleidigt-seins“ echt zu weit …

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