Kolumnen

Wir müssen reden: Der deutsche Zorn in einem Wargame

Warum es wichtig ist zu zweifeln

Alex' Meinung

Dieser Beitrag ist eine rein persönliche Meinung und steht nicht für das gesamte Team von Boardgamejunkies.de – das heisst aber auch nicht, dass einzelne Teammitglieder diesem Beitrag widersprechen. Es wurde schlicht nicht intern abgestimmt, sondern eben eine persönliche Kolumne verfasst. Verantwortlich für den Inhalt ist einzig und allein Alexander Resch.

Ich setze mich schon mein gesamtes politisches Leben mit Rechtsextremismus, Rechtsradikalismus, rechten Codes, Tendenzen, Einstellungen und Co. auseinander. Es war ein großer und wichtiger Teil meines Studiums. Deswegen bin ich durchaus empfindlich was diese Thematik angeht. Trotzdem möchte ich mir das folgende Thema auf Basis von Fakten anschauen. Aus diesen Fakten, ziehe ich meine persönlichen Schlüsse. Diese muss man nicht teilen, man sollte sie sich aber gut durch den Kopf gehen lassen.

Ich bin Brettspieler, das wisst ihr und ich spiele gerne Wargames und CoSims, weshalb mich Neuerscheinungen auch in diesem Bereich immer interessieren. Genauso wie die Regeln wie man mit Geschichte in solchen Spielen umgeht. Die Gesellschaft für historische Simulationen (GHS) zum Beispiel, lehnt die Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole in Brettspielen ab. Die Amerikaner – schon immer etwas lockerer bei dem Thema – verwenden fleißig Hakenkreuze.

So kam es auf jeden Fall, dass ich auf das Spiel „Crossing the Line“ vom deutschen(!) Verlag FUROR TEUTONICUS aufmerksam wurde. Aufmerksam und hellhörig.

Furor Teutonicus ist ein beliebter Begriff in der rechtsextremen Szene. Übersetzt ist es die Teutonische Wut und die Teutonen? „Deutsche“ zur Zeiten des Antiken Rom. Die Ahnen dieser Nation quasi. Historisch gesehen beschreibt dieser Begriff die Raserei der Teutonen im Kampf. Geprägt durch den römischen Dichter Marcus Annaeus Lucanus. Es ist also ein überlieferter Begriff, denn die Sieger (Römer) über die Besiegten schrieben.

Weiter historisch betrachtet wurde dieser Begriff bis ins Mittelalter überliefert als Flügelwort für die deutsche Aggression. Deutsche Aggression. Ein Wort, dass die deutsche Aggression beschreibt. Ich weiß ja nicht wie es dir geht, lieber Leser, aber bei deutsche Aggression denke ich zuerst an den zweiten Weltkrieg.

Die Wut der Teutonen. In welchem Kontext wird dieser Begriff heute verwendet? Abseits von historischen Abhandlungen über die Teutonen quasi gar nicht. Quasi. Denn die rechtsextreme Szene verwendet ihn nur all zu gerne zur Darstellung der „deutschen Wut“ gegen Migranten, Asylanten, das System und den politischen Gegner. Die wütenden, rasenden, wehrhaften Germanen, die sich den Eroberern zu wehr setzen passen perfekt ins Narrativ der Rechtsextremen.

Nachdem ich über den Namen des deutschen Wargame Verlags, welcher ein Wargame über den zweiten Weltkrieg herausgibt aufgrund dieses Kontexts doch sehr verwundert war, recherchierte ich etwas über den Verlag und fand die Facebook-Seite des Verlags.

Bevor ihr nun die Facebookseite sucht. Diese existiert nicht mehr.

Ich schrieb dem Verlag über Facebook. Mit voller Absicht öffentlich. Ich finde jegliche Diskussionen und Zweifel ob es sich um rechtsextremes Gedankengut oder dessen Unterstützung handelt gehört in die Öffentlichkeit und bei Unternehmen schon 100 Mal.

Mein Beitrag lautete wie folgt:

Ich hab da Mal eine Frage zu dem Namen des Verlags: Wieso wird für einen Verlag, welcher historische Wargames verlegt, ein Name gewählt, welcher alles andere als unbefangen ist. Furor Teutonicus, der germanische Zorn, ein in rechtsextremen Kreisen äußerst beliebter Hashtag sowie eine Drohung gegen Andersdenkende. Ich finde sowas, gerade in Bezug auf WW2 Spiele mit deutschem Bezug nicht nur ungünstig, sondern nahezu fahrlässig und ich bin wirklich etwas sprachlos.

Das war am 04.05.2019 um 15:01 Uhr. Alle nun folgenden Zitate, ebenso wie das Zitat meines Beitrags sind per Screenshot belegt.

Der Verlag antwortete:

Vielen dank für Ihren Beitrag, sie stellen eine wohlberechtigte Frage. Den Begriff Furor Teutonicus haben wir bewusst gewählt, da er einserseits weltweit verstanden wird und er einen historischen Bezug hat und wir so eine Anspielung auf unsere Herkunft haben. Dabei soll der Namen so verstanden werden, dass wir versuchen, in einem zu 95% amerikanisch geprägten Nischenmarkt Fuß zu fassen. Uns war bis dato tatsächlich nicht klar, dass der Begriff ein beliebter Hashtag und in den angesprochenen Kreisen sehr populär ist. Daher möchten wir zunächst einmal betonen, dass wir gegen Fremdenhass in jeder Form sind und auch sonstiges rechtsextremes Gedankengut vollumfänglich und ausnahmslos ablehnen. Um das zu unterstreichen, können wir beispielsweise auf unsere privaten Mitgliedschaften und unser Engagement in dem Verein ArtAysl e.V. verweisen, der geflüchteten Ausländern die Integration nach Deutschland erleichtert. Wir werden aber ab der nächsten Auflage und auf weiteren Spielen zudem gut sichtbar einen Passus anbringen, der unsere Haltung zu diesem Thema deutlich zum Ausdruck bringt. Im übrigen legen wir uns auch zeitlich nicht auf WW2 fest. Es sollen nach und nach Spiele zu verschiedensten Epochen der Geschichte erscheinen. Viele Grüße, Julius und Patrick.

Wir stellen also fest, die Frage ist berechtigt, es wurde aber bewusst dieser Name gewählt und von der Verbindung zum Rechtsextremismus wussten Sie nichts. Bis hierher dachte ich mir noch: Verdammt schlecht recherchiert. Googlen wir Mal „Furor Teutonicus“ landen wir bei T-Shirt Motiven und Shops, welche deutlich rechtsradikale Motive verkaufen. Die Aussage zum privaten Engagement ist weder überprüfbar, noch kann man diese großartig mit in die Bewertung einbeziehen. Ein Beispiel liefert euch folgende Doku: https://www.youtube.com/watch?v=i-KO7nsjuBQ?t=4m55s Das ist eine Doku des Y-Kollektiv über den Neonazi Kiez in Dortmund. In der verlinkten Stelle taucht „SS-Siggi“ auf. Quasi der berühmteste Neonazi Deutschlands. Wem gibt er die Hand? Einem Türken. Das Argument „Aber ich bin doch mit Ausländern befreundet!“ – selbst, wenn es wirklich so sein sollte, ist kein Argument gegen eigenen Rassismus oder eine rechtsradikale politische Einstellung. Aber so weit sind wir auch gar nicht. Ich möchte den Verlagsvertretern keine politische Einstellung oder Agenda unterstellen. Mir geht es darum, dass sie damit kokettieren und dieses Narrativ verbreiten. Das mache ich auch deutlich. Des Weiteren spreche ich die Diskrepanz in den Covern des Spiels an. Auf Facebook wurde eine Covergrafik des Spiels gezeigt, in dem die obere und untere Hälfte durch eine gerade Linie getrennt sind. Auf der Webseite des Verlags ist in der Mitte noch ein Blitz – oder eine Sigrune. Die Sigrune hat nun Mal den Vorteil, dass sie sich leicht als Blitz tarnen lässt, schließlich sieht sie genauso aus. Ich kann mir sogar vorstellen, dass das ein Versehen war, aber im Kontext eines Spiels über den zweiten Weltkrieg erwarte ich da Feingefühl. Und wenn es ein Versehen war, wieso existierten dann zwei Versionen des Covers auf zwei unterschiedlichen Seiten?

Ich unterstellte dem Verlag mit rechtsradikalismus zu kokettieren um diese als eventuelle Zielgruppe für ihr Spiel zu rekrutieren. Nazis kaufen gerne Kram der auch nur im entferntesten mit ihrer Lieblingsepoche der deutschen Geschichte zu tun hat.

Der Verlag wehrte sich und machte erneut deutlich, dass sie diese Lesart des Verlagsnamens nicht teilen. Der Begriff sei historisch und habe mit Rechtsradikalismus nichts zu tun. Viele Begriffe sind historisch oder kulturell und trotzdem verwendet man sie heute nicht mehr. Man denke an die Schokoküsse oder die beliebten Schnitzel. Ist es nicht schön, dass wir in einer Phase sind, wo wir bereit sind auf die Empfindlichkeiten von Minderheiten zu achten und stereotype, meist aus der Kolonialzeit nicht weiter mit uns tragen – ganz besonders sprachlich? Denn Sprache schafft Realität.

Zwischenzeitlich wurde aber noch mehr klar. Die beiden Verleger Bruncken und Gebhardt verlegen nicht nur Spiele. Sie sind auch anderweitig geschäftlich aktiv. Sie verkaufen Replika von Militaria. Militaria aus dem zweiten Weltkrieg. Aber nicht irgendwelche Waffen oder ähnlich ideologisch unverfängliches. Nein. Sie verkaufen Replika von Eisernen Kreuzen. Der Orden für besonderen „Heldenmut“ in der Schlacht. Was waren das für Schlachten ? Die Eroberungskriege der deutschen Wehrmacht – ein Angriffskrieg mit dem Ziel das Judentum zu vernichten und den Nationalsozialismus zu verbreiten. Ich muss es eigentlich nicht erklären, jeder Leser dieses Blogs hat hoffentlich die Schulbank gedrückt.

Und an dieser Stelle sollte sich jeder Fragen: Wer kauft sowas? Richtig. Nazis. Natürlich gibt es Sammler von Militaria die keine Nazis sind. Meiner Erfahrung und Recherche nach sammeln die aber eher Originale. Der vermeintliche Neonazi aber, der keult sich auch einen auf seinen nachgemachten Orden. Das Eiserne Kreuz wurde übrigens lange vor dem zweiten Weltkrieg verliehen. Aber die beiden Geschäftsmänner Bruncken und Gebhardt GbR verkaufen explizit das Eiserne Kreuz von 1939 und es ist nicht irgendein Eisernes Kreuz, es ist das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes. Gestiftet und verliehen von Adolf Hitler anlässlich des Polenfeldzugs.

Alleine das zu schreiben, dass es Menschen gibt die aus sowas Profit schlagen, ekelt mich unfassbar an. Auf die Konfrontation damit kam übrigens nichts mehr.

Die Eisernen Kreuze sind mittlerweile aus dem Ebayshop der beiden verschwunden und auch auf Amazon haben die beiden eine neue Shopseite eingerichtet. Facebook Seite gelöscht, Amazonshop bereinigt, bei Ebay die Artikel gelöscht. Mir kommt die Frage auf, ob es da jemandem zu „heiß“ geworden ist, mit solchen Artikeln zu handeln. Daher hier ein Screenshot

Quelle der Bilder: Amazon und Ebay. Artikel in der Form nicht mehr abrufbar, daher keine Verlinkung zur Quelle.

Alle drei Screenshots belegen meine Aussagen. Aber es geht auch einfacher. In ihrem Ebayshop gibt es Bewertungen. Und da wird unter anderem ein Kauf aus dem letzten Monat bewertet
„Eichenlaub Schwerter – Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes Orden zweiter Weltkrieg“ für 19,99€ – alles super. Ja, alles super… Beendet wurde der Artikel laut Ebay 3 Tage nach der Konfrontation damit. Am 8.05.2019 (https://www.ebay.de/itm/Eichenlaub-Schwerter-Ritterkreuz-Eisernen-Kreuzes-Orden-zweiter-Weltkrieg-/282859657018). Wer der Verkäufer ist steht ganz deutlich da: bruncken-gebhardt_gbr. Ein Abgleich des Impressums zeigt: Das sind die beiden Verleger.

Das alles sind Hinweise, die mich an der Unbedenklichkeit des Verlags erheblich Zweifeln lassen. Mir wurde vorgeworfen, ich hätte die beiden schon verurteilt. Nein. Verurteilen kann nur die Justiz. Ebenso gilt die Unschuldsvermutung oder anders formuliert: „Im Zweifel für den Angeklagten!“ Auch nur dort, wo es einen Angeklagten gibt. Nämlich vor Gericht. Ob man einen Verlag, mit so wenig Feingefühl, bei dem es zumindest Zweifel gibt ob er nicht bewusst aus der Annäherung und Kokettierung mit rechtsradikalen und nazistischen Inhalten Geschäfte machen möchte, unterstützen will, ist jedem selbst überlassen. Ich will es nicht. Sobald es in dieser Hinsicht auch nur den kleinsten Zweifel gibt, versage ich jedwede Unterstützung. Was ich nie aufhören werde ist Fragen stellen. Zweifeln. Dinge hinterfragen. Denn nur so kann man sich selbst eine Meinung bilden. Und das bleibt es am Ende. Eine Meinung. Meine Kritiker haben insofern recht, als dass man mich nicht mehr überzeugen kann. Denn die bisherigen Taten sprechen eine Sprache, die ich persönlich nicht einfach vergesse. Auch nicht als dumme Idee oder Jugendsünde abtue. Mit Nazismus Geld verdienen ist widerwärtig. Nazismus ist für den industriellen Mord an 6 Millionen europäischen Juden verantwortlich. Die Banalität des Bösen, wie sie Hannah Arendt schildert, zeigt sich auch hier. Es wirkt nahezu banal, mit so etwas Geld zu verdienen. Umso widerwärtiger ist es. Und so bleibt am Ende auch folgende Aussage: Es ist gar nicht wichtig, welche politische Einstellung die Verleger persönlich haben, was zählt ist, wie sie sich nach aussen präsentieren. Denn das ist es, was ein Narrativ unterstützt, potentielle Kunden anzieht und in letzter Konsequenz sogar dafür sorgt, dass Dinge akzeptiert werden. Denn genau wie Sprache Realität schafft, so tut es handeln noch 100 Mal mehr. Handele ich also, wie jemand der sich den Rechtsextremen anbiedert, ist es vollkommen egal, was eigentlich dahinter steckt. Ich muss damit rechnen und leben in den selben Topf geworfen zu werden.

Deswegen mein Appell an alle: Bildet euch eure eigene Meinung. Zieht eure eigenen Schlüsse. Recherchiert. Stellt Fragen. Wie man mit solch einem Fall umgeht, ist am Ende jedem selbst überlassen. Still sein, wollte ich auf jeden Fall nicht mehr!

Ein Hinweis noch: Mir ist bewusst, dass Chris von Victoria Parta Spiele wohl mit dem Verlag in Kontakt steht, er hat das Spiel auch schon vorgestellt. Ich mag Chris und ich verurteile ihn nicht dafür. Er hat andere Schlüsse gezogen als ich. Ich finde es trotzdem moralisch falsch, solch einem Verlag eine Bühne zu geben. Der Autor des Spiels tut mir übrigens ebenfalls sehr Leid. Denn der kann für den gesamten Kontext nichts, weswegen ich ihn hier auch namentlich nicht nennen werde.

Und zum Schluss noch der Hinweis auf die Initiative „Spielend für Toleranz – Gegen Intoleranz und Rassismus“. Wenn solch eine Initiative notwendig ist, dann ist es auch notwendig über solche Themen zu sprechen.

Tags
Rezensent Link zur Rezension Beschreibung Bewertung Beitragsart

Alexander

Hallo, ich bin der Alex, 1991 geboren und habe Boardgamejunkies ins Leben gerufen. Seit gut 5 Jahren liebe ich Gesellschaftsspiele und alles was damit zu tun hat und fröne dieser Leidenschaft hier. Mein Ziel? Gute Spiele spielen und besprechen und die Szene beleben und unterstützen.

Passende Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Back to top button
Close