Kolumnen

Der uralte Drache und die Deutsche Bahn

Es war ein fantastisches Wochenende in Berlin im Juli 2015, als ich am Sonntag Abend zusammen mit Susanne den ICE Sprinter (bzw. Schbrindää wie die hessische Zugbegleiterin zu sagen pflegte) Richtung Frankfurt bestieg. Vollgepackt mit Spielen von Hunter und Crons 1. Brettspiel Con und sehr gut gelaunt, genossen wir nach der irren Hitze in Berlin die kühle Brise der Klimaanlage. Sitzend an einem bequemen Vierertisch und Material zum Spielen, was konnte uns schon passieren?

Gleich an der nächsten Station (Berlin Hauptbahnhof) lies das erste Highlight der Reise nicht lange auf sich warten und offenbarte sich uns in Form von zwei jugendlichen Helene-Fischer-Konzert-Besuchern. Beide waren frisch ausgerüstet mit der Nase wenig schmeichelnder Verpflegung von der örtlichen Burger-Kette. Wo nahmen sie Platz? Natürlich an unserem Tisch. Ich bestreite nicht, dass ihre Schwärmerei für das Konzert unterstützt durch kleine Gesangseinlagen, einen gewissen Unterhaltungswert versprühte, aber ans Spielen an unserem Tisch war nicht mehr zu denken. Das lag aber weniger an unserer Auswahl an Spielen, sondern mehr an meinem mangelnden Vertrauen in die Aufnahmefähigkeit unserer beider Mitreisenden. So ergaben wir uns unserem Schicksal.

Nach dem dritten oder vierten „Atemlos durch die Nacht …“ war es dann doch mal Zeit das Bordbistro aufzusuchen, um den Kummer mit einem kühlen Bier zu ertränken. Die Ruhe war aber trügerisch und dauerte nicht lange, da zeichnete sich schon der nächste Höhepunkt des Abends ab. Irgendwo auf dem platten Lande rund um Wolfsburg gab es einen Schlag und unser ICE kam sehr plötzlich zum Stehen. Wenige Minuten vorher wurde es draußen auch schlagartig dunkel und der Gedanke an ein Unwetter, lag auf der Hand. Während wir nun wartend im Bistro saßen und uns dabei umsahen, erblickten wir direkt am Fenster die Hochspannungsleitung der Bahnstrecke. Für die weniger Zugfahrenden unter Euch: Die Hochspannungsleitung erstreckt sich eigentlich über den Zug, als direkt am Fenster. Das sah nach einem wirklichen Problem aus. Und ein genauerer Blick in die Dunkelheit offenbarte dann auch die ganze Wahrheit. Ein Baum hatte nichts Besseres zu tun, als sich direkt auf unseren ICE zu legen und dabei die Stromzufuhr zu unterbinden. Die Situation erinnerte ein wenig an die Blockiermöglichkeit in Elfenland. Leider hatte ich keine doppelte ICE-Reisekarte auf der Hand, um in der nächsten Runde weiterziehen zu können. Gegenspieler Petrus muss das gewusst haben. Eleganter Spielzug!

Nun musste man kein Prophet sein, um zu wissen, dass es lange dauern würde, bis die Reise fortgesetzt würde. In solchen Momenten funktioniert ja der nackte Überlebenswille sehr gut und die Instinkte werden ausgeprägter. Tja, Robinson Crusoe Partien schärfen die Sinne. Innerhalb kürzester Zeit wurde mir klar, dass die Vorräte in dem ICE begrenzt sind. Eine Millisekunde später habe ich dann auch sämtliches Bargeld in Verpflegung für die nächsten Stunden investiert. Die Betriebswirte unter uns können sich sicher vorstellen, wie in solch einem Mikrokosmos Angebot und Nachfrage plötzlich den Preis für die letzte kalte Flasche köstlichen Weissbieres nach oben treiben kann. Und jetzt war ich der Anbieter.

Unterbundene Stromzufuhr bedeutet auch, dass ein ICE auf Notstrom umschaltet. Natürlich vernünftig, denn keiner konnte sagen, wann wir aus der misslichen Situation befreit werden würden. Das dadurch reduzierte Licht ist aber auch wirklich kein Problem und auch eine nicht funktionierende Bordküche zu haben, ist ertragbar, wenn man im richtigen Moment Vorräte angehäuft hat. Sehr schnell merkt man aber, dass die Klimaanlage vom Strom versorgt wird, aber nicht vom Notstrom. Lasst Euch gesagt sein, die Verdoppelung der Innentemperatur im ICE ist in dieser Situation eine Frage von nur ganz kurzer Zeit. Diesem kann man mit Entledigen von Kleidungsstücken begegnen. Da hat ja jeder seine persönliche Schamgrenze. Diese steht aber leider nicht im gleichen Verhältnis zu der Attraktivität der Menschen. Welcome to Cornwall … OK, Notsituation, Schwamm drüber!

Aber ein Riesen Lob für die unglaubliche Gelassenheit aller Mitreisenden. Grossartig. Nie konnten wir beobachten, dass gemotzt oder gezetert wurde oder sogar Panik aufkam. Das war mit Sicherheit auch auf die unglaublich souveräne Zugbegleiterin zurückzuführen, die zwar sichtlich gestresst war, aber die Situation unglaublich gut im Griff hatte. Hut ab und nochmals ein dickes Lob an dieser Stelle.

Da wir unsere strategisch günstige Position im Bistro nicht aufgeben wollten, denn mittlerweile wurden kostenlose Getränke verteilt, und der Zeitpunkt der Weiterfahrt des Zuges in den Sternen stand, sollte doch ein Spiel die Langeweile vertreiben. Wir waren durch die BerlinCon ganz gut ausgerüstet, aber wenig davon hätte auf einen Tisch im ICE-Bistro gepasst. Obwohl eine Partie Simsala…Bumm? doch im Bereich des Möglichen lag. Also schnell zurück an den Platz, das Spiel gegriffen, lächelnd die beiden singenden Helene-Fischer-Groupies informiert und dabei in die verzweifelten Blicke der anderen Mitreisenden geschaut. Hier lagen die Nerven wohl sehr blank. Stand es im Zusammenhang mit den Sangeskünsten der beiden Jungs bei gefühlten 50 Grad Innentemperatur?

Wieder im Bistro wo Susanne die Stellung hielt, bauten wir unter ungläubigen und neugierigen Blicken das Spiel auf. Es schien, als würden wir in dieser angespannten Situation ein wenig für Ablenkung und Unterhaltung sorgen. Jedenfalls gesellte sich sehr schnell ein älterer Herr Namens Nikolaus (ja, so war sein Name aber auch vielleicht „Nicolaus“) und der kleine Finley zu uns und stiegen mit ins Spiel ein. Gut, Finley wurde mit der Aufgabe betraut, jeweils zu schauen, ob der ausgesprochene Zauberspruch wirksam war oder nicht und hat dieses mit Bravour und Spass erledigt. Aber Nikolaus spielte sehr begeistert mit. Und ich glaube ich konnte in einigen Augen der anderen Mitreisenden sehen, dass dort Neugierde durchblitzte, aber der Mut fehlte uns anzusprechen um mitzuspielen.

Warum erzähle ich diese Geschichte? Tief im Inneren versuche ich ja auch, oder gerade durch das Mitwirken hier bei Boardgamejunkies, die „Mission Brettspiel“ in die Welt hinauszutragen um zu sagen: Spielt!!! Die Situation im Zug hat uns Etwas gezeigt. Traut Euch überall und zu jeder Zeit (wo es passt!) zu spielen und dabei andere neugierig zu machen. Und wenn jemand neugierig schaut, sprecht ihn an. Vielleicht ist ja Interesse da mitzuspielen und ihr könnt wieder jemanden von diesem wunderbaren Hobby begeistern.

Aber wie ging denn nun unsere Reise weiter? Nach mehreren Stunden wurden wir von der Feuerwehr evakuiert. Wegen den Beschädigungen am Zug war eine Weiterfahrt mit diesem unmöglich. Mit einzelnen Bussen wurden wir dann nach und nach in ein Zwischenlager gebracht und dort verpflegt. Ab hier lies auch die bisher gute Informationspolitik der DB extrem nach, so dass wir nicht wussten wie, wann oder ob es weitergehen würde. Nach einiger Zeit gab es dann eine Lösung. Statt in herbeigesehnten Hotels, ging es dann mit Bussen und einer Stunde Fahrzeit zum Bahnhof Braunschweig. Hier wurde extra ein IC aufgehalten, in dem wir zustiegen. Ja, ihr habt richtig gelesen: Wir sind zugestiegen. Kein neuer Zug für die gesamten Reisenden eines ICEs. Nein, wir sind mal eben mit ca. 800 Reisenden in einen besetzten IC zugestiegen. Da dieser aber schon seit 3 Stunden dort stand und wartete, war die Stimmung hier auch entsprechend unterkühlt und angespannt. Sitzplätze gab es dann natürlich nur noch auf dem Boden oder auf Koffern. Nach nunmehr 8 Stunden erträgt man so etwas dann nur noch mit stoischer Gelassenheit oder tiefer Verzweiflung. Auch hier wieder ein Lob an den Zugbegleiter, der volles Verständnis für die Situation hatte und mit der gebotenen Lösung der DB auch nicht einverstanden war. Aber was nutzte es?

Die Reise führte uns dann nach Hannover, wo angeblich der Nachtzug nach Frankfurt erreicht werden konnte. Lieber Leser, bitte festhalten, den haben wir auch bekommen, weil er natürlich Verspätung hatte. Spätestens jetzt war der Zeitpunkt gekommen, um in Hysterie und Wahnsinn zu verfallen. Denn es bedeutete, die nächsten 60 Minuten um jetzt schon 2 Uhr Nachts völlig übermüdet auf dem Bahnsteig auszuharren. Eine Situation die nicht mehr schön zu reden war.

Hier möchte ich dann doch erwähnen, dass die DB sehr tief in Ihrer Serviceschublade gegraben hat. Uns wurde nämlich ein leerer IC zum Übernachten ans Gleis gestellt. Sozusagen die Alternative für ein Hotel. Wunderbar, Nachts in einem leeren IC zu schlafen, der auf einem einsamen Bahnsteig steht und geöffnete Türen hat. Und in der Tat waren einige auch so „weichgekocht“, dass das Angebot angenommen wurde. Tja, in der Not frisst der Teufel bekanntlich Fliegen. Wir entschieden uns aber für die Weiterfahrt.

Irgendwann fuhr der ICE dann auch endlich ein und wir konnten schnell zwei Sitzplätze ergattern, was leider nicht jedem gelang. Aber ab irgendeinem Punkt ist man sich dann ja selbst der Nächste. Ist das ein Vorgeschmack auf das eigene rücksichtslose Verhalten bei einer kommenden Zombie-Apokalypse? Egal wir hatten unsere Plätze und ihr glaubt gar nicht, wie kuschelig plötzlich so ein Zug sein kann. Herrlich!

Die weitere Fahrt haben wir dann schlafend oder schlummernd gemeistert und sind dann am Morgen in Frankfurt angekommen, mit einem Regionalzug nach Hause gefahren und direkt ins Bett gefallen. Höllentrip beendet! Ende der Geschichte!

Ach ja, lieber Johanns (Hunter) und lieber Jan (Cron): Wir nehmen nun jedes Jahr auf Eurer BerlinCon Spiele mit, die man gut im Zug spielen kann. Legt schon einmal etwas zur Seite. Man muss ja gerüstete sein.

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André W

Hallo Zusammen, mein Name ist André und ich bin stolzer Besitzer zweier ländlicher Heimaten (Nähe Osnabrück und Nähe Darmstadt). Jahrgang 1971 macht mich zu einem Brettspielveteranen. Ja, ja, früher gingen wir noch Barfuß zum Spieleshop. Wir hatten ja nichts. Spielerisch habe ich vor nichts Angst, versuche aber immer wieder Wenig- oder Nichtspieler von unserem tollen Hobby zu begeistern. Viel Spaß und mögen die Spiele beginnen …

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